Ulrike Geischer – Die Foodsaverin

Heute gehe ich zu einem Infotreffen für zukünftige Lebensmittelretter. Das Ganze wird veranstaltet von Foodsharing Darmstadt – eine Organisation, die sich gegen das Wegwerfen von Lebensmittel einsetzt. Jeden ersten Mittwoch im Monat findet dieses Treffen im Offenen Raum des AStA der TU Darmstadt statt. Dort wurde ein „Fairteiler“ eingerichtet. Das sind frei zugängliche Kühlschränke, in die man Lebensmittel zum Teilen reinstellen und entnehmen kann. Weitere „Fairteiler“ gibt es in der evangelischen Hochschule und im Kaufhaus der Gelegenheiten. Zuvor „gesavetes“ Essen wird hier gelagert und  kann dann von jedem – der es danach verarbeitet – mitgenommen werden.

IMG_5819

Vortrag im AStA-Raum der TU.

Jilly und Miriam halten eine kurze Präsentation über deren Aktivitäten und darüber, wie foodsharing in Darmstadt funktioniert. Hinter mir brummt der Kühlschrank, der Eigentum von Foodsharing ist, und in dem gerade ein Bund Karotten und ein Blumenkohl gelagert ist. Ich erfahre, dass am Morgen der ganze Kühlschrank brechend voll war – alles wurde bereits abgeholt. Auch während der Besprechung kommen ein Dutzend Leute in den Raum, schauen, ob es noch etwas zu essen gibt. Eine Frau kommt mit einem großen blauen Sack und liefert ganz viele frische Brötchen ab. Nachdem sich nun fast alle in eine Liste eingetragen haben und ab nun regelmäßig Essen und Abgelaufenes in Geschäften, Supermärkten, Bäckereien und Schulen abholen wollen, ist die Sitzung beendet.

Ulrike Geischer, die seit 1 1/2 Jahren Teil des Teams ist, ist bereit mir ein paar Fragen zu beantworten. Sie trägt eine auffällige rote Brille, hat kurze dunkle Haare und wirkt auf mich sehr sympathisch. IMG_5825Die 56-Jährige ist erst seit 5 Jahren hier in Darmstadt, sie kommt auch aus dem Saarland – nicht weit weg von meinem Zuhause (was aber auch bei uns nicht allzu schwer ist). Nach Darmstadt ist sie wegen der Arbeit in der Hauswirtschaft gekommen – nun ist sie Rentnerin. An Darmstadt gefällt ihr gar nicht, dass sich alles nur um uns Studenten dreht.

„Wir brauchen nicht nur Studentenbonus, nein, mehr Rentnerbonus ist gefordert!“

Das merke man überall: bei Imbissen, beim Bus- und Bahnfahren. Ich selbst hab‘ da noch nie drauf geachtet…

Auch bemängelt sie die teuren Mieten, das Klinikum und die Ärzte hier. „Die wollen nur Patienten, die immer wieder kommen. Ich war denen zu teuer.“ Auf den Lieblingsort in Darmstadt kommt wie aus der Pistole „der eigene Garten“ geschossen. Sie wohnt hinterm Bahnhof, hat dort einen großen Garten und pflanzt unter anderem Tomaten und Lavendel an. Hühner habe sie ebenfalls in der Nase. Sie wohnt dort mit ihrem Hund zusammen, einem dreijährigen Jack Russel. Er ist bei ihr geboren, sie war seine Pflegestelle vom Tierschutz.

Aber nicht nur für Tiere setzt die 56-Jährige sich ein, nein, auch für Lebensmittel – „die eigentlich noch gut sind, aber einfach weggeschmissen werden.“

Ulrike ist Foodsaverin, und das, obwohl sie kein Auto hat. Foodsaver zu sein bedeutet, dass man zum Beispiel zu Supermärkten fährt und Lebensmittel abholt. Diese dürfen dort nicht mehr verkauft werden, weil zum Beispiel das Mindesthaltbarkeitsdatum in der Vergangenheit liegt. Das heißt aber natürlich längst nicht, dass die Sachen schlecht sind.

„Warum machst du denn bei Foodsharing mit, Ulrike?“

„Weil ich es gut find, dass man sich auch als Allergiker nur eine Erdbeere rausnehmen darf. Bei der Tafel darf man das nicht.“ Außerdem ist ein Beweggrund für sie die netten Leute, die man bei den Treffen kennenlernt. Zu manchen hat sie auch privat Kontakt.

„Und warum sollte man keine Lebensmittel wegwerfen?“

„Weil ich weiß wie es ist, selbst nicht immer genug Essen zu haben.“

Ich muss schlucken und merke, dass sie keine weiteren Fragen in die Richtung beantworten möchte.

Auch bei den Foodsharing-Projekten nimmt Ulrike gerne teil und bringt sich ein. Sie bemalt Stofftaschen mit Lebensmittelfarbe oder malt mit Kindern im Herrngarten.

20150509_104646

Ulrike on Tour: Mit dem Fahrradanhänger kann sie noch mehr Essen abholen gehen.

Ulrike hat sich einen Fahrradanhänger besorgt, um größere Portionen transportieren zu können. „Das ist dann sogar Lebensmittelrettung ohne Spritkosten“ – sie lacht.

Ulrike gerettet

So kann es aussehen, wenn Ulrike unterwegs war.

 Text: Stefanie Warken (Team DAhinter)

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s